Heimkehle und Barbarossahöhle in den Fängen der Rüstungsindustrie

Heimkehle und Barbarossahöhle in den Fängen der Rüstungsindustrie

Untertageverlagerung im Harz während der NS-Zeit

Als die alliierten Bomberangriffe auf das Deutsche Reich 1943 bedrohliche Ausmaße annahmen, versuchte das NS-Regime, die gefährdeten Rüstungsbetriebe teilweise nach Untertage zu verlagern. Davon blieben auch die Höhlen Thüringens nicht verschont. Dieser Teil der Höhlengeschichte wird am Beispiel von Heimkehle und Barbarossahöhle dargestellt.

Abstract

In 1943, the allied bomber attacks on the German Reich became massive and dangerous for the Nazi war production. As one of the answers to this situation, the military looked for bomb-safe shelters for weapon production. In 1943, Hitler and Göring gave orders to transfer war technology into caves, cellars, and mining sites. Hundreds of potential caves and caverns were listed by geological and mining authorities and an underground reconnaissance was done in the entire German Reich area, also in Thuringia. The paper deals with the role of the caves Heimkehle and Barbarossa Cave in this situation of late WW II.

Die „Höhlenforschung“ im Dritten Reich

1943 nahmen die alliierten Bombenangriffe derartige Ausmaße an, dass an eine Rüstungsproduktion in bisherigen Bahnen nicht mehr zu denken war. So wurden Forderungen drängender, Komponenten kriegswichtigen Geräts in aufgelassenen Kalischächten oder neu anzulegenden unterirdischen Stollensystemen, Eisenbahntunneln oder sogar Brauereikellern vor feindlichen Luftangriffen geschützt herzustellen. Zwischen dem Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion, Albert Speer, und dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, entbrannte ein unüberbrückbarer Machtkampf um die Hoheit bei der Untertageverlagerung. Im Oktober 1943 rief Hermann Göring einen „Sonderstab Höhlenbau“ mit der Aufgabe ins Leben, geeignete Standorte für eine Untertageverlagerung der Luftwaffenindustrie ausfindig zu machen.

Aber auch Speer strebte an, die Zuständigkeit für die Untertageverlagerung persönlich an sich zu ziehen und die Entscheidungsgewalt bei sich zu konzentrieren. Als Kontroll- und Koordinationsstelle richtete er im Februar 1944 bei seinem Amt Bau einen „Erkundungsstab für die unterirdische Verlagerung“ ein. Die Stäbe Görings wie auch Speers übten also ähnliche Aufgaben aus. Das Nebeneinander endete erst durch den Anfang März 1944 eingesetzten „Jägerstab“, der Vertreter und Fachleute beider Sonderstäbe vereinte, allerdings von Seiten Speers dominiert wurde. Der „Jägerstab“ war ein wesentlicher Schritt, den gesamten Luftwaffensektors dem Machtbereich Speers einzugliedern. Priorität bei der Planung von Verlagerungsaktionen hatten von nun an „Betriebe für die Erhaltung und Steigerung der Jägerproduktion, die sich wieder in Motorenwerke, solche der Flugzeugzellenerstellung und der Flugzeugrüstung unterteilten“.

Der englische Bombenangriff vom 18.8.1943 zerstörte die A4-Raketen-Produktionsstätte in Peenemünde fast vollständig. Daraufhin verlegten die Verantwortlichen die Serienproduktion der Rakete binnen weniger Monate in den Kohnstein bei Nordhausen. Diese Aktion, vollzogen unter Opferung des Lebens zahlloser KZ-Häftlinge, wurde zum Musterfall für alle weiteren Untertageverlagerungen der deutschen Rüstungsindustrie. Am 14.2.1944 ersuchte Göring Himmler, „der Luftwaffenrüstung noch eine möglichst große Anzahl KZ-Häftlinge“ zur Verfügung zu stellen. Gerade bei der Untertageverlagerung der Industrie würden die „KZ-Sträflinge“, die sich beim Bauvorhaben Mittelwerk „als sehr brauchbar erwiesen“ hätten, benötigt und könnten dort „arbeitsmäßig und lagermäßig besonders gut zusammengefasst“ werden. Himmler selbst war von der Vision besessen, die Untertageverlagerungen würden „neue Höhlenmenschen in diesen einzigen wirklich geschützten Arbeitsstätten“ hervorbringen, die am Ende siegreiche Waffen schmieden würden.

Das unterirdische Raketenwerk im Kohnstein diente dabei allgemein als Vorbild. Das Szenario beherrschten dabei die geplanten Junkers-Verlagerungsstätten um den Harz, von Nordhausen über die Gaugrenzen hinweg bis nach Halberstadt. Mit den Plänen, Rüstungsbetriebe vor Luftangriffen geschützt in künstliche oder natürliche unterirdische Hohlräume zu verbringen, rückte die Karst- und Höhlenforschung in Deutschland und Österreich verstärkt in das Blickfeld des NS-Regimes. Im Vordergrund stand das Bemühen, auf die in den Jahren zuvor gesammelten wissenschaftlichen, Daten der einschlägigen Vereine und Forscher, insbesondere des Höhlenforschers und Juristen Dr. Benno Wolf (* 26.9.1871 in Dresden; † 6.1.1943 im KZ Theresienstadt) und seines engeren Umfelds, zuzugreifen. 1922 war er der Mitbegründer des Hauptverbands Deutscher Höhlenforscher und wirkte im Folgejahr gleichermaßen an der Gründung der Gesellschaft für Höhlenforschung und Höhlenkunde in Berlin, beides Netzwerke der namhaftesten deutschen und österreichischen Höhlenforscher, in führender Stellung mit. Wolf machte sich bereits in den 1920er Jahren für eine Inventarisierung und systematische Erfassung von Höhlen auf Grundlage einheitlicher Kriterien stark. Auf sein Wirken hin beschloss der Hauptverband Deutscher Höhlenforscher 1923 die Aufstellung eines zentralen Höhlenkatasters unter Verwendung eines standardisierten Fragebogens. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 kam Wolf, der jüdischer Abstammung war, seiner Entlassung als Richter und als Justitiar in der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege durch ein erzwungenes Abschiedsgesuch zuvor.

Die deutsche und österreichische Höhlenforschung wurde im August 1938 als Forschungsstätte für Karst- und Höhlenkunde dem „Ahnenerbe der SS“ unterstellt. Um die deutschen und österreichischen Höhlen zentral erfassen zu können, verfügte Himmler im März 1939 die Einrichtung, nun unter Leitung des SS-Standartenführers Hans Brand, von Salzburg, wo sie wahrscheinlich nie in Betrieb ging, nach München zu verlegen. Wolf zog sich bis 1937 aus allen öffentlichen Ämtern zurück und vermachte schon im Herbst zuvor sein gesamtes wissenschaftliches Material dem langjährigen Freund Julius Riemer, doch war er dem Ahnenerbe scheinbar noch immer ein Dorn im Auge. So forderten die Ahnenerbe-Funktionäre Sievers und Wüst vom SS-Chef Himmler persönlich, Wolf müsse verschwinden und seine Sammlung beschlagnahmt bzw. sichergestellt werden. Die Voraussetzungen für einen erleichterten Zugriff wurden im Mai 1941 mit der Gründung des Reichsbunds für Karst- und Höhlenforschung und der damit einhergehenden „Gleichschaltung“ sämtlicher Karst- und Höhlenvereine geschaffen. Seine Bemühungen um die katastermäßige Erfassung der Höhlen, die für die Nazis zwischenzeitlich kriegswichtig geworden waren, kostete Wolf das Leben. Am 6.7.1942, im Alter von 71 Jahren, ließ ihn die SS in das KZ Theresienstadt deportieren. Dort verstarb er am 6.1.1943. Das ganze wissenschaftliche Vermächtnis von Wolf requirierte der Reichsbund und wertete dies für „wehrgeologische Zwecke“ aus.

Gleich nach seiner Gründung begab sich der Reichsbund für Karst- und Höhlenforschung daran, neue Katasterbögen zu versenden. Für den Harz erstellte F. Stolberg ein vollständig neues Kataster, das neben den Ergebnissen anderer Forscher als Grundlage der im Juli 1943 vom Reichsamt für Bodenforschung vorgelegten „Tabellarische Übersicht den deutschen Höhlen (ohne Grubenbaue)“ diente. Das Register gliederte die Höhlen nach „Name und Lage”, „Form und Größe”, „Wasserverhältnisse” und „Bemerkungen”. Für den Harz nennt das Höhlenkataster vom Juli 1943 Jettenhöhle, Einhornhöhle, Steinkirche, Himmelreichhöhle, Kelle, Hermannshöhle, Baumannshöhle, Bielshöhle, Christinenhöhle, Volkmarskeller, Heimkehle und Questenhöhle sowie für Thüringen Barbarossahöhle und Marien(glas)höhle. Der überwiegende Teil dieser Höhlen war zumindest für eine Rüstungsproduktion vorgesehen, doch ließen sich die Planungen nur in den seltensten Fällen noch in die Tat umsetzen, mit einigen wenigen Ausnahmen.

Die Beschlagnahme der Heimkehle bei Rottleberode durch Junkers

Junkers verfolgte das Ziel, eine von zwei bis drei „Keimzellen für die aufzubauenden grundsätzlichen Rüstwerke“ in Untertagefabriken möglichst im Südharz unterzubringen. Die zweite „Keimzelle“ sollte in Alexandertal entstehen, eine dritte entweder in Zittau oder wiederum im Südharz. Am 1.2.1944 wies das RLM den Junkers-Werken die etwa zwei Kilometer lange Heimkehle, am westlichen Hang des Thyratals zwischen den Ortschaften Uftrungen und Rottleberode gelegen, als unterirdischen Verlagerungsstandort zu. Theodor Wienrich erschloss die von Friedrich Stolberg vermessene Naturhöhle touristisch, die erstmals im September 1920 für die Öffentlichkeit zu besichtigen war und bis zur Beschlagnahme durch Junkers als Schauhöhle diente. Bereits Anfang September 1943 rückte die Höhle in den Fokus der Rüstungsindustrie, als es um die Frage der Auffindung eines geeigneten Verlagerungsstandorts für das A4-Raketenwerk ging, das später im Kohnstein angesiedelt wurde. Nicht nur die Heimkehle, sondern auch die Barbarossahöhle bei Rottleben am südwestlichen Rand des Kyffhäusergebirges wurden als möglicher Standort gehandelt, dann aber schnell wieder fallen gelassen.

Anfang Februar 1944 erging an Junkers die Aufforderung, binnen 14 Tagen, spätestens also am 15.2.1944, dem von Luftwaffenchef Hermann Göring eingerichteten Sonderstab „Höhlenbau“ die erforderlichen Bau- und Planungsunterlagen vorzulegen. Eine vom Sonderstab am 12.3.1944 gefertigte Zusammenstellung bombengeschützter Räume, die mit Unterstützung der SS und damit durch Konzentrationslagerhäftlinge ausgebaut werden sollten, nennt die Heimkehle als Verlagerungsprojekt A 5 mit einer Nutzfläche von 3.000 qm. Am 24.3.1944 erteilte das RLM den Verlegungsvorbescheid für die Errichtung eines Presswerks. „Die Firma Junkers wird […] beauftragt, oben angegebene Fertigung aus den bisherigen Fertigungsräumen zu verlegen. Über das Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion […] wurde hierfür als Aufnahmebetrieb die Höhle Heimkehle bei Uftrungen im Südharz […] befristet gesperrt“.

Die Bauarbeiten begannen bereits Tage vorher unter Einsatz von 200 Häftlingen, die am 13.3.1944 aus Buchenwald abgeordnet worden waren. Anfang April und im Mai 1944 ergänzten zwei weitere Transporte mit zusammen 350 Personen den Bautrupp. Bis zu 600 Häftlinge führten in der Heimkehle in den folgenden Wochen bergbauliche Arbeiten und Betonierungen durch. Sie mussten die Höhlenseen im „Kleinen“ und „Großen Dom“ zuschütten und planieren, hatten Betonstützwände und Pfeiler zum Abfangen der Decken zu errichten und weitere Zugangsstollen vorzutreiben, so dass der Charakter der seit 1920 für den Tourismus erschlossenen Schauhöhle zerstört wurde. Ein internes Schreiben der Junkers-Bauabteilung an die Rechtsabteilung des Konzerns vom 3.5.1944 hält fest, dass die Arbeiten zu dem Zeitpunkt noch voll im Gange waren.

Wie erschöpfend die Arbeit und ihre Bedingungen auf der Baustelle waren, zeigt sich daran, dass immer wieder Häftlinge wegen völliger Entkräftung ins Stammlager zurückverlegt wurden, am 30.6.1944 zum Beispiel zehn als „arbeitsunfähig“. Für die Unterbringung der KZ-Arbeiter war die Porzellanfabrik Max Schuck am Ortsrand von Rottleberode beschlagnahmt worden. Im Erdgeschoss befanden sich Küche, Wasch- und Abstellräume, in den beiden Obergeschossen die Häftlingsunterkünfte. „Es ist ein großer, mehrstöckiger Steinbau, in dem früher einmal eine Fabrik betrieben wurde“, erinnert sich ein ehemaliger Aufseher, der Luftwaffensoldat Willy Mirbach. „Mit der Rückseite grenzt das Gebäude, durch einen Hof getrennt, an eine steile Felswand von etwa fünfzehn bis zwanzig Meter Höhe, und oben auf der Felswand steht ein Wachturm von etwa zehn Meter Höhe, ringsum mit Glas geschlossen und einem Scheinwerfer eingebaut. Außerdem stehen an den vier Ecken des Lagers noch Wachtürme, die jedoch nur einige Meter hoch und ringsum offen sind. Auch dieses Lager ist mit einem elektrischen Zaun (…) gesichert. (…) An der linken Kopfseite des Lagerzauns befindet sich das Eingangstor, stark mit Stacheldraht gesichert und einem Posten mit Gewehr davor“. Die Schreibstube brachte die SS im requirierten Wohnhaus der Familie Schuck unter.

Zwischen dem 3. und 7.8.1944 inspizierte der Luftwaffen-Oberstabsarzt Dr. Ehrlich das KZ-Außenkommando Rottleberode. In seinem Bericht vom 9.8.1944 an die SS-Kommandantur Buchenwald stellte er lobend fest, der Krankenbau sei in einem hellen Fabrikraum der Porzellanfabrik untergebracht und alle vorgeschriebenen Abteilungen seien vom Häftlingsarzt eingerichtet worden. Der Luftwaffenarzt forderte den Lagerführer des Außenkommandos gleichwohl auf, die Ambulanz durch eine Bretterwand von den sonstigen Räumen abtrennen zu lassen. Am 2.10.1944 besichtigte der Standortarzt des KZ Buchenwald das Außenkommando Rottleberode und bestätigte die Feststellungen des Luftwaffen-Kollegen. Er wies darauf hin, dass aus Geheimhaltungsgründen Kranke auch in dringenden Fällen nicht mehr nach Dora ins Revier transportiert werden dürften.

Ende Juli 1944 waren die Werkhallen in der Heimkehle errichtet und der Einbau der Produktionsanlagen begann. Die Kosten für Ausbau und Einrichtung der Fabrik im Berg beliefen sich auf über 2,6 Mio. RM, die das Reich trug. Allein für die Unterhaltung des KZ-Lagers in Rottleberode forderte Junkers von der Staatskasse 16.640,30 RM. Weiterhin stellte der Flugzeughersteller die an die SS gezahlten „Nutzungsentgelte“ für die beschäftigten Bau-Häftlinge mit 177.600 RM in Rechnung. Für Häftlingstransporte vom Lager zur Baustelle machte die Reichsbahn bei Junkers 13.674 RM geltend, die der Konzern sich ebenfalls erstatten ließ. Insgesamt waren es „Aufwendungen“ von 207.940,30 RM für die beim Ausbau der Heimkehle eingesetzten KZ-Arbeiter, die voll in die Gesamtbaukosten einflossen.

Nach Beendigung der Arbeiten und Inbetriebnahme des Junkers-Werks wurden die ausgepowerten Häftlinge des Baukommandos Heimkehle (A 5) auf andere Baustellen im „Mittelraum“ abgeschoben, so am 24.7.1944 insgesamt hundert zum Projekt B 3a in Woffleben, wo ein ganzes Stollensystem in den Berg zu treiben war, in dem auch wieder Junkers auf mindestens 80.000 qm bis zu 8.000 Arbeitskräfte mit der Serienherstellung und Montage von Großteilen beschäftigen wollte. Die meisten Bauhäftlinge aber wurden von der Heimkehle zum Bauvorhaben Lava (Deckname B 4) bei Stempeda verlegt, wo ebenfalls unterirdische Werkhallen für Junkers zu erstellen waren; ein Presswerk sollte aus Dessau dorthin verlegt werden. Der Flugzeughersteller benannte seinen Heimkehle-Betrieb nach dem in unmittelbarer Nähe verlaufenden Harzflüsschen „Thyra-Werk“. Es sollte Fahrwerke und Zubehörteile − insbesondere für Flugzeugrümpfe − liefern.

Mitte August 1944 lief die Produktion an, wenngleich noch nicht alle Maschinen installiert waren. Junkers lag damit im Rahmen des im April 1944 aufgestellten Zeitplans, wonach im August des Jahres 1.800 qm und im Folgemonat sämtliche vorgesehenen 3.000 qm nutzbar sein sollten. Obwohl bereits seit Monaten in Betrieb, meldete der Flugzeugbauer sein „Thyra-Werk“ in der Heimkehle erst am 1.2.1945 bei der Hauptfinanzverwaltung Dessau an, allerdings rückwirkend ab Juni 1944. Zwischen dem 18.8. und 22.9.1944 lieferte der ebenfalls aus Schönebeck ausgelagerte Junkers-Betrieb in Mühlhausen – Deckname „Mühlenwerk AG“ − weitere Maschinen für die Heimkehle, darunter fünf Fräsen und acht Drehbänke. Offenbar ging die gesamte Sektion für Rumpfträgergurte (TM-Gurte) an das „Thyra-Werk“, mitsamt den an den Maschinen eingearbeiteten Häftlingen, denn am 25.9.1944 wurde der Zugang von 36 KZ-Arbeitern aus Mühlhausen registriert. Ebenso stellte das Junkers-Stammwerk Schönebeck angelernte, bereits in der Flugzeugproduktion tätige Häftlinge ab. Eine erste Gruppe von 61 Zwangsarbeitern traf am 31.7.1944 in Rottleberode ein.

Drei weitere Transporte aus Schönebeck folgten: 35 KZ-Häftlingen am 25.9., 60 am 23. und 59 am 26.10. Ein weiterer Transport aus Dora ließ die Zahl der in der Heimkehle im Zweischichtbetrieb arbeitenden Häftlinge auf 545 am 30.11.1944 anschwellen. Diese Lagerstärke bestand bis Ende März 1945. Zeitweise bestand die Belegschaft des „Thyra-Werks“ zu 80 % aus KZ-Insassen. Allein für Oktober 1944 überwies Junkers für die Tätigkeit der KZ-Insassen seines „Thyra-Werks“ dem KZ Buchenwald ein Entgelt von 50.060 RM. Untergebracht waren die Junkers-Produktionshäftlinge in den Gebäuden der Porzellanfabrik Schuck, zunächst zusammen mit den Bauhäftlingen des Stollenvortriebs in Stempeda. Ende 1944 erhöhte sich die Belegung dieses Außenlagers „Heinrich“ auf 900 Personen. Aber Junkers war bald nicht mehr bereit, für Unterkunft und Verpflegung der weiterhin in der ehemaligen Porzellanfabrik untergebrachten Bauhäftlinge des Arbeitskommandos B 4 aufzukommen. Der Konzern drängte, ihm diese „unproduktiven“ Arbeitskräfte abzunehmen und kam damit durch. Anfang 1945 verlegte die SS die Bauarbeiter mit KZ-Status in ein eigens für sie eingerichtetes Barackenlager in der Nähe der Baustelle B 4 in Stempeda.

Um Arbeitsausfälle durch den langen Anmarsch seiner Produktionsarbeiter vom Lager in Rottleberode zur Arbeitsstätte im Berg zu vermeiden, ließ Junkers sie mit der Bahn an- und abtransportieren. Bis November 1944 rechnete die Reichsbahn die Transportkosten auf der Grundlage geschätzter Häftlingszahlen ab, Junkers focht das Verfahren jedoch an. Wie in den anderen Junkers-Werken waren die in der Flugzeugproduktion der Heimkehle eingesetzten Häftlinge für Spezialtätigkeiten angelernte Kräfte oder Facharbeiter und konnten nicht ohne nachteilige Auswirkungen auf die Qualität der Produkte ausgetauscht werden. Deswegen wurde schonender mit ihnen umgegangen und ihre Arbeits- und Lebensbedingungen waren besser als die der in Stempeda geschundenen Bauhäftlinge. Ende März 1945 kam die Produktion des Thyra-Werks nahezu vollständig zum Erliegen. Am 4.4.1945 erhielt Kommandoführer Erhard Brauny vom Stammlager „Dora“ Befehl, die Arbeiten unverzüglich ganz einzustellen, die Räumung des Lagers „Heinrich“ vorzubereiten und alle Häftlinge am Folgetag zur „Evakuierung“ zum Bahnhof in Niedersachswerfen zu führen.

Die SS fasste die Insassen der beiden Arbeitskommandos Stempeda und Rottleberode zusammen, an die 1.500 Personen, die dann offenbar willkürlich in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Etwa 400 Häftlinge befehligte Brauny selbst, etwa 1.100 Personen kommandierte der Lagerführer von Stempeda, SS-Unterscharführer Hermann Lamp. Beide Kolonnen machten sich noch am Abend des 4.4.1945 auf den Weg; die kleinere gegen 21 Uhr, die andere um Mitternacht. Ziel beider Transporte dürfte wie für alle größeren Außenkommandos des KZ Mittelbau-Dora das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg gewesen sein. Aber nach den verheerenden Bombenangriffen auf Nordhausen am selben Tag war die Stadt für Züge unpassierbar. Daher legten die Häftlinge die 18 Kilometer bis zum nächstgelegenen Bahnhof Niedersachswerfen über Stempeda, Buchholz und Harzungen zu Fuß zurück.

Die Kolonne unter Leitung von Brauny erreichte am 5.4.1945 frühmorgens Niedersachswerfen. Da die Evakuierung der größeren Lager „Dora“, Harzungen und Ellrich Vorrang hatte, mussten die Häftlinge stundenlang warten, bis die Reichsbahn gegen Mittag einen Zug mit offenen Güterwagen bereitstellte. Die KZ-Sklaven wurden in die Waggons gepfercht, aber der Zug fuhr nicht ab, weil Brauny auf das Eintreffen der von Lamp geführten Kolonne wartete. In der Ungewissheit begab sich Brauny mit einem geliehenen Motorrad auf die Suche nach der zweiten Marschkolonne. In Rottleberode erfuhr er, dass Lamp eine andere Marschrichtung eingeschlagen hatte.

Erst gegen Mittag des 6.4.1945 setzte sich der noch immer vollbesetzt in Niedersachswerfen wartende Güterzug in Bewegung. Er nahm als − laut SS-Jargon − „Lumpensammler“ unterwegs alle Mittelbau-Häftlinge mit, die nicht in einem der regulären Evakuierungszüge untergekommen waren. Nach zahlreichen Unterbrechungen erreichte der Transport am 9.4.1945 die Ortschaft Oebisfelde im heutigen Bördekreis in Sachsen-Anhalt nahe der Landesgrenze zu Niedersachsen. Da Neuengamme überbelegt und Bergen-Belsen nicht mehr per Bahn zu erreichen war, wurde der Zug in Richtung Oranienburg umdirigiert. Er kam jedoch nur bis Mieste, wenige Kilometer vor Gardelegen. Wegen Unpassierbarkeit der Bahnstrecke mussten die Häftlinge zu Fuß weitermarschieren, bevor sie gemeinsam mit anderen KZ-Evakuierten in die am östlichen Ortsrand gelegene Feldscheune des Gutes Isenschnibbe zur Nachtruhe eingesperrt wurden. Doch die SS setze die Scheune in Brand. Über tausend Menschen verbrannten qualvoll in dieser Nacht vom 13. zum 14.4.1945. Wenig später trafen US-amerikanischen Einheiten ein, die nicht mehr helfen konnten.

Die größere Kolonne war in der Nacht vom 4. zum 5.4.1945 in einen Luftangriff geraten, der den vorgesehenen Weg unpassierbar gemacht hatte. Nach einer nächtlichen Pause bei Rottleberode wurden die 1.100 Häftlinge dieses Todesmarsches ab dem 5.4. zu Fuß über Stolberg und Güntersberge durch den Harz nach Quedlinburg und von dort über die Elbe nach Genthin getrieben, wo sie am 14.4. anlangten und die SS die Häftlinge – 784 waren es noch von den 1.100 – auf Güterwaggons mit dem Ziel Oranienburg verlud. Von den Fehlenden soll etwa 50 die Flucht gelungen sein, die anderen kamen offenbar ums Leben. Gegen Mittag des 16.4. erreichte der Transport das zum KL Sachsenhausen gehörende Arbeitskommando der Heinkel-Werke. Von dort trieb die SS am 21.4. die noch Gehfähigen auf einen weiteren Todesmarsch, diesmal in Richtung Nordwesten. Die letzten Überlebenden des am 4.4. in Rottleberode gestarteten Transportes wurden Anfang Mai 1945 von der Roten Armee in der Nähe von Schwerin befreit.

Zu diesem Zeitpunkt hatte eine westalliierte Kontrollkommission bereits das Werk in der Heimkehle inspiziert, maßen ihm aber keine große Bedeutung bei. So demontierten russische Einheiten den gesamten Maschinenpark und sprengten 1946 die Eingänge zur Heimkehle. 1953 wurde die Höhle wieder geöffnet und ein Jahr später, am 1.5.1954, für Besucher freigegeben. Noch zu DDR-Zeiten wurde in einem der von Junkers ehemals mit Beschlag belegten Höhlenteile eine Gedenkstätte eingerichtet, die noch heute Bestandteil des Rundgangs ist. Seit 2005 steht am Eingang der Heimkehle ein Gedenkstein zur Erinnerung an die KZ-Opfer des Außenlagers Rottleberode.

Hermann Lamp, der den Todesmarsch bis zu seiner Ankunft in Oranienburg leitete und nach dem Krieg bei Lübeck lebte, wurde für seine Taten nach dem Krieg nicht zur Verantwortung gezogen. Seinen Vorgesetzten Erhard Brauny, der für das Lager „Heinrich“ in Rottleberode verantwortlich war, verurteilte ein US-Militärgericht 1947 im Dachauer Dora-Prozess zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Brauny starb 1950 in der Haft in Landsberg. Danach blieb für lange Zeit eine weitere juristische Aufarbeitung aus. 1984 stand in Fulda der Sinto und ehemalige Kapo Hermann Ebender unter der Anklage vor Gericht, jüdische Häftlinge aus dem Arbeitskommando Stempeda (Baustelle B 4) im Waschraum des Lagers „Heinrich“ ertränkt zu haben. Aus Mangel an Beweisen wurde er freigesprochen.

Die geplante Inanspruchnahme der Barbarossahöhle im Kyffhäuser bei Rottleben

Die 1865 erschlossenen Hohlräume der Barbarossahöhle bei Rottleben am Kyffhäuser rückten vergleichsweise spät in den Blickpunkt der Nationalsozialisten. Möglicherweise ein Indiz dafür, dass es den Bergbehörden und regionalen Höhlenforschern bis Sommer 1944 erfolgreich gelang, die Höhle vor einem Zugriff zu schützen. So forderte der „Reichsbund Höhlen und Schaubergwerke e. V.“ noch Ende August von SS-Chef Heinrich Himmler, Präsident der Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Das Ahnenerbe“, von einer Inanspruchnahme deutscher Höhlen zu Rüstungszwecken Abstand zu nehmen. In dem Schreiben führt Reichsbundführer Bernhard Lange Beschwerde darüber, dass sich der Besuch „von Kommissionen und Einzelpersonen zum Zwecke der Feststellung, ob die deutschen Höhlen […] für kriegswichtige Einrichtungen Verwendung finden können“, seit geraumer Zeit wiederholt habe. Er warnte davor, Höhlen versuchsweise für kriegswirtschaftliche Zwecke in Anspruch zu nehmen, wenn von Anfang an feststehe, dass „Wehrbetriebe“ darin nicht auf Dauer betrieben werden können. Der Fall der Heimkehle habe gezeigt, mit welch einschneidenden Folgen der Umbau verbunden ist. Er habe dazu geführt, dass „die Höhle für Nachkriegszeiten voraussichtlich schon jetzt als Schauhöhle ungeeignet gestaltet“ wurde. Ein ähnliches Schicksal müsse anderen Höhlen, insbesondere der namentlich erwähnten Barbarossahöhle im Kyffhäuser, erspart bleiben. Unter dem 26.9.1944 ließ Himmler durch seinen Stab mitteilen, dass es in der gegenwärtigen Lage des Kriegs nicht möglich sei, „auf Verhältnisse Rücksicht zu nehmen, die […] zum großen Teil nur für den Frieden von Bedeutung sind“. Weiter heißt es, „dass die Verlagerung wichtiger industrieller Werke in Höhlen“ von so großer Bedeutung sei, dass „aus den in dem Schreiben angegebenen Gründen davon nicht Abstand genommen“ werden könne.

Obwohl schon Monate vorher als möglicher Standpunkt ins Auge gefasst, wurden erst Mitte September 1944 konkrete Maßnahmen ergriffen, die Barbarossahöhle für rüstungswirtschaftliche Zwecke zu erschließen. Am 16.9. berichtete das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld auf Anforderung „höherer Stellen“ über mögliche Verwendungsmöglichkeiten der Höhle. Die Stellungnahme der Behörde war zurückhaltend, die im Ergebnis festhielt, dass unter Einbeziehung der westlich des Stolleneingangs gelegenen Gewässer eine Nutzfläche von dreitausend Quadratmetern geschaffen werden könne. Wegen des hohen Feuchtigkeitsgrads scheide die Höhle aber für die Aufnahme eines Produktionsbetriebes aus. Wenn überhaupt, käme die Lagerung von Treibstoffen oder Materialien in geschlossenen Behältern in Betracht. Dennoch machte sich die Braunkohlen- und Benzin AG (BRABAG) Ende September 1944 Hoffnung, einen Teil ihrer Magdeburger Hydrieranlage unter dem Decknamen „Schwalbe 3“ in der Barbarossahöhle vor Luftangriffen geschützt unterbringen zu können. Allerdings waren die geologischen Erkundungen noch nicht abgeschlossen, so dass ein Standort in der Nähe von Dresden den Vorzug erhielt.

Alternativ kam Ende Oktober 1944 die Diskussion auf, der Ruhrchemie AG die Höhle im Kyffhäuser für die Produktion von Hochleistungsöl für Flugmotoren nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren zuzuweisen. Um die Geeignetheit der Hohlräume für den angedachten Zweck zu prüfen, fand am 24.10.1944 unter Anwesenheit von Vertretern des Konzerns und der Genehmigungsbehörden ein Termin vor Ort statt. Bedenken, die gegen eine Realisierung des Projektes sprechen könnten, wurden beiseitegeschoben. Die Kommission stellte abschließend fest, dass es unter Verwendung von Teilen der Höhle möglich sei, „das Vorhaben schnell in Gang bringen zu können“. Der Abschlussbericht hält fest, „dass von innen und außen gleichzeitig begonnen werden“ könne und „die für die Inbetriebnahme notwendigen Kompressoren und sonstigen Baumaschinen sofort gesichert“ untergebracht werden könnten. Am 27.10.1944 sperrte das Rüstungsamt die Barbarossahöhle für den Mineralölsicherungsplan als unterirdische Produktionsstätte und das beabsichtigte Bauvorhaben der Ruhrchemie, das den Decknamen „Krebs“ trug. Gleichzeitige erging an die Rüstungsinspektion Kassel die Anweisung, dass Mitteilung zu geben sei, sofern sich das Objekt dafür nicht eigene. In diesem Fall solle eine andere Zuweisung erfolgen.

In der Folge entbrannte ein regelrechter Kampf um die Höhle. Neben anderen Betrieben der Rüstungsindustrie, wie Conti Hannover, erhob nunmehr auch die Kriegsmarine Anspruch auf die Höhle, die in der Region ebenfalls auf der Suche nach geeigneter Lagerfläche war. Allerdings blieben die Bemühungen erneut, wie andernorts im Raum Nordhausen auch, ohne Erfolg. Am 7.11.1944 teilte der Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion der Kriegsmarine mit, dass das „dass das Objekt von zwei verschiedenen Rüstungsfertigungen in Anspruch genommen“ werde. Aus diesem Grund könne die Höhle für die von der Marine angedachten Zwecke nicht vergeben werden. Um die Tauglichkeit für rüstungswirtschaftliche Zwecke abschließend beurteilen zu können, veranlasste das Rüstungsamt im November 1944 eine Besichtigung der Höhle durch eigene Mitarbeiter, und zwar unter Anwesenheit des als Sachverständigen hinzugezogenen Bergwerksdirektors Dr. Beil von der Wintershall AG. Er nahm, anders als das Oberbergamt Wochen zuvor, eine entgegengesetzte Position ein. Aus seiner Sicht bestünde keine Gefahr der Abbröckelung und Zerstörung der Innenwände der Höhle beim Übergang der feuchten auf trockene Atmosphäre.

Unter Beachtung der nötigen bergbaulichen Vorschriften und Erfahrungen könnten problemlos auch Hohlräume mit größeren Spannweiten geschaffen werden. Mitte Dezember 1944 verwarf das Rüstungsamt die bisherigen Planungen und wies die „Dienststelle Prützmann“ ein. Obwohl sie nur einen kleinen Teil der Fläche beanspruchte, wurde aus Geheimhaltungsgründen zur ihren Gunsten die komplette Höhle gesperrt und andere Unternehmen zugleich ausgeschlossen. Am 12.12.1944 setzte das Reichswirtschaftsministerium das Oberbergamt davon in Kenntnis, dass eine Inanspruchnahme der Höhle durch das Programm Geilenberg nicht mehr in Betracht komme und das Rüstungsamt von jeder Veränderung in der Benutzung rechtzeitig vorher in Kenntnis zu setzen sei. Damit konnte sich die die SS die Vorherrschaft sichern, als Nest der „Untergrundorganisation Werwolf“. Im September 1944 hatte SS-Chef Heinrich Himmler den SS-Obergruppenführer Hans-Adolf Prützmann mit der Aufstellung kleiner Spezialkommandos beauftragt, die in den besetzten Gebieten des Deutschen Reichs hinter den feindlichen Linien Sabotage verüben und die Bevölkerung von einer Zusammenarbeit mit den Besatzungstruppen abhalten sollten. Dem Werwolf stand Prützmann als „Reichs-Werwolf“ vor, der sich nur Himmler gegenüber zu verantworten hatte. Scheinbar unterhielt die Dienststelle Prützmann in der Barbarossahöhle einen Störsender.

Anfang Januar 1945 erklärte sich die SS, möglicherweise auf Druck anderer Stellen, mit einer teilweisen Nutzung der nicht mit Beschlag belegten Areale der Höhle einverstanden. So setzte der Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion die Rüstungsinspektion IX Kassel in Kenntnis, dass die Dienststelle Prützmann „einer Einlagerung des Rohstoffamtes in einem Teil der Barbarossahöhle“ zugestimmt habe. Für die Einlagerung von Reifen, vermutlich der Firma Conti Hannover, sperrte das Rüstungsamt die nördlich gelegenen Hohlräume (Felsenmeer, Empfangssaal und Neptungrotte). Die Aufnahme einer Rüstungsproduktion selbst wurde untersagt. Zu einer Umsetzung dieser geänderten Planung kam es in den Wirren der letzten Kriegstage nicht mehr. Die von der Dienststelle Prützmann ehemals okkupierten Bereiche der Höhle sollen alliierte Besatzungstruppen als kriegswichtiges Objekt auf einer Länge von 30 bis 40 m gesprengt haben, doch schriftliche Belege hierüber fehlen.

Quelle ud Bildquelle: Frank Baranowski

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